Ein Pakt für Chancen- und Bildungsgerechtigkeit

Ein Pakt für Chancen- und Bildungsgerechtigkeit

Bildung muss bei jedem einzelnen Kind ankommen und dessen Chancen erweitern

Die UN-Kinderrechtskonvention schreibt unter den Artikeln 28 und 29 das Recht auf Bildung fest, dessen Verwirklichung „auf der Grundlage der Chancengleichheit fortschreitend“ erreicht werden soll. In der von UNICEF und UNESCO veröffentlichten Weltdeklaration „Bildung für Alle“ heißt es, jede Person, ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener, solle in die Lage versetzt werden, Bildungschancen entsprechend ihrer grundlegenden Lernbedürfnisse wahrzunehmen. Die UNESCO verlangt einen „grundlegenden Paradigmenwechsel hin zu einer Gesellschaft“, die „alle Menschen in ihrer Verschiedenheit achtet und willkommen heißt“.

Wie weit die bundesdeutsche Bildungs- und Chancenrealität von einer solchen Orientierung und von einer „Bildung für Alle“ entfernt ist, bestätigt der UN-Sonderberichterstatter Vernor Munoz im März 2007 in seinen Untersuchungsbericht über das deutsche Schulsystem. Er beschreibt unsere Schulen als selektiv, diskriminierend und undemokratisch. Arme und Migrantenkinder, aber auch Kinder mit Behinderungen seien vom Recht auf Bildung ausgeschlossen.

Chancen- und Bildungs(un)gerechtigkeit setzen lange vor der Einschulung an. Ein Aufwachsen in Armut und mangelnde Bildungschancen bedingen sich gegenseitig. Bildungsgerechtigkeit geht nicht ohne soziale Gerechtigkeit. Eine nachhaltige Verbesserung der Bildungssituation kann nur mit Maßnahmen erreicht werden, die sich gleichzeitig auch gegen die in den letzten Jahren weiter gestiegene Kinderarmut wenden.

Will man Chancen- und Bildungsgerechtigkeit erfolgreich umsetzen, muss man an den realen Lebenslagen der Familien ansetzen. Jeder Schritt in diese Richtung muss das Lebensumfeld und die Lebenssituationen der Kinder kennen und berücksichtigen. Zu einem in diesem Sinne angelegten Kooperationsprozess mit den Schulen erklärt sich die Offene Arbeit mit Kinder- Jugendlichen und Familien ausdrücklich bereit.

Wir – die Einrichtungen der Offenen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien – schlagen einen Ressort übergreifenden Pakt für Chancen- und Bildungsgerechtigkeit vor. Das heißt: Alle gesellschaftlichen Bereiche, die direkt oder indirekt mit dem Aufwachsen von Kindern zu tun haben, müssen ihr eigenes Handeln darauf hin prüfen, ob und wieweit es zur, „Bildung für Alle“ im Sinne der von UN und UNESCO deklarierten Ziele, tatsächlich beiträgt. Alle gesellschaftlichen und institutionellen Bereiche müssen dafür bereit sein, die eigenen Traditionen und Arbeitsstrukturen zu hinterfragen und sich, nicht nur formal, in Richtung Demokratisierung, Offenheit, Beteiligung und Chancengerechtigkeit auf die Kinder, ihre Familien und deren Lebenswelten zuzubewegen. Diese Anforderung richtet sich natürlich erst einmal an die klassischen Betreuungs-, Erziehungs- und (formalen wie informellen) Bildungseinrichtungen Schule, Kita und – nicht zuletzt –Kinder- und Jugendarbeit. Aber auch andere Politikbereiche aus dem Gesundheits-, Wirtschafts-, Finanz- Wohnungsbau- oder Arbeitsressort müssen in einen solchen gesamtgesellschaftlichen Umsteuerungsprozess einbezogen werden, wenn das Ziel der Chancen- und Bildungsgerechtigkeit erreicht werden soll.

Gemeinsam probieren, gestalten, umdenken

Notwendig für eine Erfolg versprechende, gemeinsam getragene Bildungs-Gerechtigkeits-Offensive von Jugendhilfe und Schule sind entsprechende Strukturveränderungen. Weder Schule noch Jugendarbeit können
weiter so arbeiten und so (ausgestattet) bleiben, wie sie sind. Eine Kooperation mit dem Ziel, Schritte einzuleiten, die schließlich Bildung für jedes Kind gleichermaßen erreichbar und zugänglich werden lassen sollen, braucht geeignete und belastbare Grundlagen. Sie braucht finanzielle, personelle und administrative Bedingungen, die das Entstehen kreativer Modelle „von unten“ befördern, welche sich aus den jeweils konkreten
Erfahrungen von Zusammenarbeit und den Bedarfen und Lebenslagen im Stadtteil entwickeln lassen. Modelle,
die in gemeinsamer Verantwortung konzipiert sind und im Einflussbereich der Kooperierenden für das Ziel
einer verbesserten Bildungsgerechtigkeit gemeinsam „etwas Drittes“ schaffen.

Bildungsgerechtigkeit braucht funktionierende, stadtteilbezogene Gemeinschaftsschulen „für Alle“ von der ersten Klasse bis zum Abschluss. Erforderlich ist hierfür eine aufgabengerechte personelle und sachliche Basisausstattung der Schulen, die Gestaltungsraum lässt für neue Projekte und Ideen. Genauso braucht es auch funktionierende Stadtteileinrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit, auch diese mit einer aufgabengerechten personellen und sachlichen Basisausstattung, die Spielraum lässt für neue Projekte und Ideen. Wir brauchen ein transparentes Ideenfindungs- und Entwicklungsverfahren zwischen Jugendeinrichtung und Schule, das ggf. auch andere Kompetenzen aus dem Stadtteil einbezieht.

Wir brauchen zwischen den beteiligten Akteuren gegenseitige Kenntnis, Akzeptanz – kritischer Dialog nicht ausgeschlossen – bzgl. der unterschiedlichen Aufträge, Menschenbilder und beruflichen Verständnisse. Wir brauchen gemeinsam verwaltete Mittel für den Gegenstand der Kooperation, für das „gemeinsame Dritte“, und wir brauchen die frühzeitige Planung einer Evaluation, die den Stadtteil und dessen Menschen einbezieht und immer wieder die Frage stellt: was kommt bei den Kindern und Jugendlichen an?

Chancen- und Bildungsgerechtigkeit braucht:

1. Wirksame Maßnahmen gegen Kinderarmut, z.B.:

  • Erhöhung der Regelsätze zur Sicherung des Existenzminimums,
  • keine Anrechnung des Kindergeldes auf Harz IV

2. Kostenlosen Zugang für Kinder und Jugendliche zu Bildung, Kultur und Freizeit mit u.a.:

  • Lernmittelfreiheit und kostenlosem Zugang zu Kita und Schule inkl. der Grundversorgung mit Essen und mit medizinischer Betreuung,
  • kostenloser Zugang zu Hochschulen und Universitäten,
  • kostenlose Schülerfahrkarten, freie Bücherhallennutzung und Besuche von Museen, Schwimmbädern etc.

3. Einladende, freiwillige Bildungsangebote in den Quartieren für Familien, dazu gehören:

  • Alphabetisierungskurse,
  • Möglichkeiten für nachträglich zu erwerbende Schulabschlüsse,
  • kulturelle, politische und gesellschaftliche Bildungsangebote und
  • freier Zugang zu Beratung und Information.

4. Eine demokratisch strukturierte Gemeinschaftsschule,

  • die alle Kinder und alle Schulformen integriert,
  • die verschiedene Methoden und Lernformen miteinander verbindet,
  • die personell gut ausgestattet ist,
  • die Eltern und Kinder umfassend beteiligt,
  • die auf Benotung und Sitzenbleiben verzichten kann,
  • in der Mut gemacht wird und ein respektvoller Umgang an der Tagesordnung ist,
  • wo kein Kind „falsch“ ist und
  • wo die Schule zum Kind passt und nicht das Kind zur Schule passen muss.

5. Offene Treffpunkte und Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit in jedem Stadtteil

  • zum freien, selbstbestimmten und gemeinsamen Erleben,
  • zum Lernen voneinander,
  • mit einer aufgabengerechten personellen und finanziellen Grundausstattung.

Unser Beitrag zum Pakt für Chancen- und Bildungsgerechtigkeit

Die beteiligten Akteure bekommen durch uns die Chance, einen anderen Blick zu entwickeln, der neue, erfolgreiche Umgangs- und Handlungsmöglichkeiten eröffnet, damit Bildung bei jedem einzelnen Kind ankommt.

Wir haben ein umfangreiches sozialpädagogisches Fachwissen mit interkultureller und geschlechtersensibler Kompetenz sowie eine bewährte Beratungspraxis und sind ExpertInnen für den Stadtteil.

Wir verfügen über Räume und Außengelände, die vielfältig genutzt und gestaltet werden können: Raum für
Bewegung und Entspannung, für Technik, Kunst und Medien, Platz zum Ausprobieren, für Neugier und Entdeckungen – als Gruppe oder für sich allein.

Wir ermöglichen Kindern und Jugendlichen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und verschiedener Herkunft Partizipationserfahrungen. Aushandlungs- und Einigungsprozesse werden von uns angeregt und angeleitet sowie Konfliktlösungskompetenzen vermittelt.

Wir sind ein fester und wichtiger Bestandteil der Infrastruktur im Stadtteil. Wir kooperieren mit den verschiedenen Einrichtungen und setzten uns für eine Verbesserung der Lebensräume im Sozialraum ein.

Die Offene Arbeit reagiert flexibel auf neue Herausforderungen und findet lösungsorientierte Antworten.

Als Einrichtung vor Ort sind wir den Kindern und ihren Familien präsent. Wir erreichen Kinder und Jugendliche, sie kommen freiwillig zu uns, sie vertrauen uns und trauen sich mit uns, ihre Ziele zu verfolgen.

Hamburg im April 2008
Kampagnenbündnis Entschlossen OFFEN!

+ Abenteuerspielplätze + Jugendclubs + Kinder- und Familienzentren + Häuser der Jugend + Mädchentreffs + Gemein-wesenarbeit + Spielhäuser + Jugendberatungszentren + Gästewohnungen für Kinder und Jugendliche + Medienprojekte + Stadtteilprojekte + Bauspielplätze + offene Sozialberatung + Spielmobile + Mädchenzentren + Straßensozialarbeit +

 

Kampagnenbündnis
Entschlossen OFFEN!
Offene Arbeit mit Kindern, Jugendlichen
und ihren Familien in Hamburg

Zum Download gehts hier: PDF (47 KB)

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